Manifest für eine bessere Ernährungspolitik

Von Ulrich Rosenbaum

Veröffentlicht in DER FEINSCHMECKER 4-2011 (Copyright Verlagsgruppe Ganske)

Erstens. Lebensmittelsicherheit muss eine Selbstverständlichkeit sein. Da die Futtermittel immer wieder eine zentrale Rolle spielen, dürfen hier keine Lücken bei der Kontrolle gelassen werden. Ein erster Schritt, den Missbrauch und Massentierhaltung unattraktiv zu machen: Alle Mastbetriebe sollten mindestens 50 Prozent ihrer Futtermittel auf eigenen Äckern erzeugen müssen.  

Zweitens: Der Weltagrarbericht der UNO hat den Nachweis erbracht, dass die Menschheit durch eine bäuerliche Landwirtschaft ernährt werden kann. Auf dieser Basis muss mit der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, die 2013 neu zu ordnen ist, eine Agrarwende eingeleitet werden: Subventionen für die bäuerliche Landwirtschaft und damit die ländlichen Regionen statt für Produzenten, die täglich Millionen Hühner und Zigtausende von Schweinen am Fließband schlachten.

Drittens: Drei Viertel der Menschen wollen keine Gentechnik im Essen. Entscheidend ist nicht, wie "gefährlich" die Gentechnik ist, sondern dass sie für ein System der Saatgutmonopole steht, die den Bauern kaum noch eine Wahl lassen und  - schlimmer noch - die Vielfalt auf dem Acker platt machen. Dagegen bedeutet Artenvielfalt auch Vielfalt im Genuss.  

Viertens: Auch wenn nicht jeder ökologische Landwirtschaft betreiben will, so sollte er doch auf den Grundsatz der Nachhaltigkeit verpflichtet werden. Nachhaltigkeit bedeutet, so zu wirtschaften, dass auch kommende Generationen noch intakte Lebensgrundlagen vorfinden. Deshalb darf die Landschaft nicht durch Raubbau und ein Übermaß an Chemie dauerhaft geschädigt werden. 

Fünftens: Die Förderung von "nachwachsenden Rohstoffen" hat sich als Irrweg erwiesen. Der "Sprit vom Acker" führt zu einem Verdrängungswettbewerb gegenüber der bäuerlichen Landwirtschaft. Dieser Trend muss gestoppt werden.


Sechstens: Lebensmittel sollten natürliche Produkte sein. Wir brauchen kein "Novel Food", keine überflüssigen "Nahrungsergänzungsmittel", keine Nano-Technologie und keine künstlichen Aromastoffe im Essen.

Siebtens: Der Preiswettbewerb auf Kosten der Qualität und einer artgerechten Tierhaltung muss aufhören. Die Tiermast muss kein Klimakiller sein, wenn genügend Grünland zur Verfügung steht. Und wenn wir wieder lernen, weniger Fleisch zu essen. Eine ausgewogene Ernährung schafft auch Gleichgewicht in der Natur.

Achtens: Schluss mit der Verschwendung! 20 Prozent der Lebensmittel landen auf dem Müll. Wir alle können planvoller einkaufen, der Supermarkt muss nicht immer alles verfügbar haben und der Gesetzgeber sollte das Mindesthaltbarkeitsdatum durch das Verfallsdatum ersetzen, damit nicht Lebensmittel ausgemustert werden, die noch in Ordnung sind.

Neuntens: "Wissen, was man isst." Dieses Wort von Carlo Petrini ist der Schlüssel. Wir sollten als Verbraucher und erst recht als Gastronomen so engen Kontakt wie möglich zum Produzenten suchen. Und so vom Konsumenten zum Ko-Produzenten werden. Das beginnt damit, dass man Fleisch beim Metzer kauft und ihn fragt, woher es kommt, und endet damit, dass man beim Produzenten direkt einkauft. Das schafft mehr Vertrauen als jedes Gütesiegel. 

Zehntens: "Öko" ist gut, aber Regionalität ist noch wichtiger. Wir sollten uns auf die Produkte unserer Region besinnen. Kurze Wege vom Acker auf dem Teller nutzen nicht nur dem Klima sondern auch unserem Geldbeutel. Und: Wir müssen wieder lernen, saisonal zu essen. Zum Beispiel: Spargel aus Übersee im Dezember? Die Vorfreude auf die eigene Spargelsaison ist doch viel schöner!